Stell dir vor, du hast heute eine neue Mitarbeiterin eingestellt.
Sie hat in ihrem Leben mehr gelesen als jeder Mensch: Bücher, Webseiten, Anleitungen, Briefe in vielen Sprachen. Sie ist schnell, geduldig und nie schlecht gelaunt. Aber heute ist ihr erster Tag. Sie kennt dich nicht, sie kennt deine Kunden nicht, und sie weiß nicht, wie bei dir gearbeitet wird.
Diese Mitarbeiterin heißt Claude. Und du bist die Chefin oder der Chef. Der Einfachheit halber sagen wir im Kurs „die Chefin“.
Was KI wirklich ist
Claude ist ein sogenanntes Sprachmodell. Das ist ein Programm, das aus riesigen Mengen Text gelernt hat, welches Wort in einem Zusammenhang wahrscheinlich als nächstes kommt. Weil es dabei Milliarden von Sätzen gesehen hat, entsteht daraus etwas, das sich wie Verstehen anfühlt. Es kann einen Brief schreiben, einen langen Text in drei Sätzen zusammenfassen oder dir erklären, was ein Begriff bedeutet.
Im Büro heißt das: Deine Mitarbeiterin hat alles gelesen, aber nichts selbst erlebt. Sie weiß, wie ein gutes Angebot aussieht, weil sie Tausende gesehen hat. Ob dein Angebot zu deinen Kunden passt, weiß sie erst, wenn du es ihr sagst.
Schreiben, umschreiben, kürzen, zusammenfassen, übersetzen, erklären, Ideen sammeln. Sie kann auch Bilder und Dokumente lesen, die du ihr gibst.
Sie erkennt Muster, keine Wahrheit. Wenn eine Antwort plausibel klingt, gibt sie sie, auch wenn sie falsch ist. Darum geht es in Lektion 1.3.
Wer du bist, wie du schreibst und was du gestern beschlossen hast, weiß sie nur, wenn es irgendwo für sie bereitliegt. Dafür bauen wir in Kapitel 4 das Archiv.
Antworten oder handeln
Es gibt zwei Arten, mit dieser Mitarbeiterin zu arbeiten, und der Unterschied ist für den ganzen Kurs wichtig.
Im Gespräch setzt ihr euch an den Besprechungstisch. Du fragst, sie antwortet. Sie erklärt dir zum Beispiel, wie man eine Rechnung schreibt, aber schreiben musst du sie selbst. Das ist Claude Chat.
Am eigenen Schreibtisch gibst du ihr Schlüssel für bestimmte Schränke. Dann schreibt sie die Rechnung selbst, legt sie in den richtigen Ordner und sagt dir, wo sie liegt. Eine KI, die so selbstständig mehrere Schritte hintereinander erledigt, nennt man einen Agenten. Das ist Cowork, und später im Technikraum Claude Code.
Im Chat erklärt sie dir, wie es geht.
Am Schreibtisch macht sie es.
Der Rundgang
Hier ist der Grundriss deines Büros. Jeder Raum steht für einen Teil von Claude, und jedes Kapitel dieses Kurses öffnet einen davon. Du musst dir jetzt nicht alles merken. Es reicht, wenn du weißt, dass es diese Räume gibt.
| Im Büro | In der Technik | Kapitel |
|---|---|---|
| Die neue Mitarbeiterin | Claude, das Sprachmodell | 1 |
| Chefbüro mit Tresor | Du: Aufträge geben, prüfen, entscheiden. Was nie in eine KI gehört. | 1 |
| Empfang mit Posteingang | Alles, was von außen kommt: Mails, Webseiten, fremde Dateien | 1 |
| Besprechung | Claude Chat im Browser oder in der App | 2 |
| Schreibtisch mit Telefon | Cowork, das mit deinen Dateien arbeitet, und Connectoren zu anderen Diensten | 3 |
| Archiv | Dein zweites Gehirn: Ordner mit allem, was Claude über dich wissen soll | 4 |
| Technikraum | Claude Code, das auch Programme starten darf | 5 |
Das gleiche Büro bei ChatGPT und Gemini
Dieser Kurs zeigt alles an Claude, damit du jeden Schritt einmal sauber übst. Die Räume gibt es aber bei jeder großen KI. ChatGPT und Gemini haben auch einen Besprechungstisch, eine Einarbeitungsmappe, ein Telefon zu anderen Diensten und einen Technikraum. Nur die Schilder an den Türen heißen anders.
Wenn du das Büro einmal verstanden hast, musst du die anderen nicht neu lernen. Du suchst dort einfach dieselben Räume.
Andere Schilder, gleiche Räume.
Wie die Räume bei ChatGPT und Gemini heißen, steht am Ende des Kurses auf der Seite Das gleiche Büro überall.
Wo das Bild hinkt
Ein Bild hilft beim Verstehen, aber es stimmt nie ganz. Damit du später nicht stolperst, hier die drei Stellen, an denen Claude anders ist als eine echte Mitarbeiterin.
Sie ist kein Mensch. Claude hat keine Gefühle, keine eigenen Ziele und keine Meinung über dich. Wenn sie freundlich ist, ist das ihre Art zu schreiben, keine Zuneigung.
Sie hat kein Gedächtnis wie ein Mensch. Jedes neue Gespräch beginnt fast wie ein erster Arbeitstag. Es gibt zwar eine kleine Merkfunktion, die du in Kapitel 2 kennenlernst, aber verlässlich weiß sie nur, was du ihr hinlegst. Genau deshalb lohnt sich das Archiv.
Sie arbeitet in sehr vielen Büros gleichzeitig. Dieselbe Claude hilft Millionen Menschen. In jedem Büro sieht sie aber nur, was dort liegt, und niemand aus dem Büro nebenan kann in deine Gespräche schauen. Ob deine Gespräche später zum Training neuer Modelle genutzt werden dürfen, stellst du selbst ein. Das zeigen wir dir in Lektion 1.4.
Der Zettel für den ersten Tag
Du brauchst dafür noch kein Konto, nur Stift und Papier oder eine Notiz auf dem Handy.
- Stell dir vor, deine neue Mitarbeiterin kommt morgen früh zum ersten Mal ins Büro.
- Schreib in höchstens 5 Sätzen auf, was sie über dich wissen müsste: wer du bist, was du machst, für wen du es machst und wie du klingst, wenn du schreibst.
- Schreib einen sechsten Satz dazu: Was soll sie auf keinen Fall tun?
- Heb den Zettel auf. In Lektion 2.2 wird daraus ihre Einarbeitungsmappe.
Wenn dir das schwerfällt, ist das ein gutes Zeichen. Was du nicht in 5 Sätzen sagen kannst, kann auch die beste KI nicht erraten.
Probier es im Übungs-Chat
Hier kannst du ohne Konto üben. Klick eine Antwort an, und sieh, was passiert. Das ist keine echte KI, sondern ein vorbereitetes Gespräch.
3 Fragen zu dieser Lektion
Was macht ein Sprachmodell wie Claude?
Genau. Weil es aus riesigen Mengen Text gelernt hat, entstehen daraus Briefe, Zusammenfassungen und Erklärungen.
Nein. Es schlägt nicht nach, sondern erkennt Muster aus dem, was es gelesen hat. Darum kann eine Antwort auch falsch sein.
Es fühlt sich so an, ist aber nicht so. Sie hat alles gelesen, aber nichts selbst erlebt.
Was kann deine neue Mitarbeiterin nicht von allein?
Das kann sie gut, denn es besteht aus Sprache.
Richtig. Das weiß sie nur, wenn es irgendwo für sie bereitliegt. Dafür baust du in Kapitel 4 das Archiv.
Übersetzen kann sie gut. Was ihr fehlt, ist das Wissen über dich.
Claude soll eine Rechnung selbst schreiben und in den richtigen Ordner legen. Wo arbeitet sie dann?
Im Chat erklärt sie dir, wie es geht. Schreiben und ablegen musst du dann selbst.
Genau. Mit den passenden Schlüsseln erledigt sie mehrere Schritte selbst. Das ist Cowork.
Das kannst du jetzt
- Du kannst in einem Satz erklären, was ein Sprachmodell ist.
- Du weißt, was Claude gut kann und wo du selbst prüfen musst.
- Du kennst den Unterschied zwischen einem Chat und einem Agenten.
- Du kennst die sechs Räume deines Büros.
- Du weißt, dass ChatGPT und Gemini dieselben Räume haben.
Die Mitarbeiterin ist eingestellt, und du kennst den Grundriss. Als Nächstes lernst du, wie du ihr einen Auftrag gibst.